17 Mai 2013

Freiheit für die fünf ausländischen Gefangenen


In Kolumbien gibt es schätzungsweise 9500 politische Gefangene und Kriegsgefangene, die aufgrund ihres politischen und sozialen Engagements inhaftiert sind. Insgesamt gibt es rund 100.000 Personen, die in den Gefängnissen ein menschenunwürdiges Dasein fristen. Sie haben hier mit Überbelegung, fehlender medizinischer und sanitärer Versorgung, Misshandlungen und schweren Menschenrechtsverletzungen zu kämpfen.
Kolumbien hat fünf politische Gefangene, die in ausländischen Gefängnissen inhaftiert sind. Sie alle sind Kämpfer für ein neues und gerechtes Kolumbien und deswegen anerkannt und beliebt. Vier von ihnen sind Mitglieder der FARC-EP. Drei von ihnen wurden durch die faschistischen Behörden an die USA ausgeliefert und sind dort inhaftiert. Es sind Simón Trinidad, Sonia und Iván Vargas, die entführt wurden und wie gewöhnliche Kriminelle behandelt werden.
Der vierte ist Julián Conrado, der durch die Behörden in Venezuela festgesetzt worden ist und nun aufgrund seines Gesundheitszustandes auf politisches Asyl hofft.
Der fünfte Kämpfer ist Joaquín Pérez Becerra, Verantwortlicher der alternativen Nachrichtenagentur Anncol, den man illegal auf dem Flughafen Maiquetía in Venezuela festnahm. Er wurde nach Kolumbien geschafft und dort in einem inszenierten Schauprozess, der alle internationalen Standards verletzte, verurteilt.

Für sie alle fordern wir ihre Freiheit!

12 Mai 2013

Druck und Repression im Südwesten Kolumbiens


Die kolumbianische Presse überschlug sich in den letzten Tagen mit der zynischen und freudigen Meldung, dass bei Militäroperationen zwischen den Provinzen Cauca und Nariño der Kommandeur der mobilen Kolonne „Jacobo Arenas“ Jorge Eliécer Zambrano Cardoso alias „Caliche“ getötet worden ist. Er starb zusammen mit sieben weiteren Guerilleros bei einem Angriff des Militärs. Während auf Kuba derzeit die Friedensgespräche stattfinden und nach einer politischen Lösung im Jahrzehnte andauernden bewaffneten Konflikt gesucht wird, intensivieren die staatlichen Sicherheitskräfte ihre Militäroperationen gegen die Guerilla. Doch nicht nur auf militärischer, sondern auch auf psychologischer Ebene wird der Krieg geführt. So sind es immer wieder die großen kolumbianischen Medien, die den Krieg gegen die Guerilla und Zivilbevölkerung rechtfertigen, ihr jegliche politische Legitimität absprechen und einen Keil in die Friedensbemühungen treiben wollen.

Mit dem Tod von Caliche ist eine der engsten Vertrauten von Pablo Catatumbo, der sich derzeit bei den Verhandlungen in Kuba aufhält, getroffen worden. Pablo Catatumbo gilt als eine der Führungspersonen in der FARC-EP und ist Mitglied des Sekretariats des Zentralen Generalstabs. Caliche war Mitglied im Zentralen Generalstab der FARC-EP und galt als Kommandeur eine der wichtigsten und aktivsten militärischen Einheiten innerhalb des westlichen Militärblocks „Alfonso Cano“, der mobilen Kolonne „Jacobo Arenas“, die vorrangig in den ländlich geprägten Gebieten von Valle del Cauca, Cauca, Nariño und Huila agiert. Mit dem Wandel der Militärstrategie, die historischen Gebiete der FARC-EP anzugreifen und spezielle aus Polizei und Militär bestehende mobile Einheiten einzusetzen, sind im Südwesten Kolumbiens die bewaffneten Auseinandersetzungen gestiegen.

Die der Regierung nahestehende Wochenzeitung „Semana“ berichtete am Wochenende, dass bei den letzten Schlägen des Militärs gegen die Guerilla die Einsatzfähigkeit der FARC-EP geschwächt wurde und seit der Durchführung der neuen Militärstrategie rund hundert Guerilleros demobilisiert, 61 gefangengenommen und 75 im Kampf getötet worden sind. Nach Schätzungen der Wochenzeitung befinden sich noch rund 1000 Kämpfer im Militärblock „Alfonso Cano“ unter Waffen. Zu den militärischen Strukturen innerhalb des Militärblocks gehören weiterhin die 6., 8., 29. und 64. Kriegsfront sowie die mobile Kolonne „Daniel Aldana“. Die Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, so werden regelmäßig Berichte der Streitkräfte über militärische Erfolge veröffentlicht, die eigenen Verluste aber verschwiegen.

Klagen gab es aus der Zivilbevölkerung, so wurde im Zuge der Militäroperationen von Massenverhaftungen, besonders von jüngeren Menschen, berichtet, die im Verdacht stehen, Mitglieder oder Sympathisanten der FARC-EP zu sein. Entsprechende Berichte gibt es aus der Stadt Puerto Tejada in der Provinz Cauca, wo an verschiedenen Tagen Jugendliche festgenommen, misshandelt und teilweise verurteilt worden sind. Mit dieser Repression ziehen sich die staatlichen Sicherheitskräfte nicht nur den Zorn der lokalen Bevölkerung zu, sondern sorgen auch für einen Kreislauf, so dass sich die Guerilla letztendlich keine Sorgen um Rekrutierung und Unterstützung machen muss. Die Provinz Cauca ist eine der historischen und sozialen Basen der FARC-EP.

Kommuniqué der FARC-EP zum Tod von Caliche 

05 Mai 2013

Kommuniqué von FARC-EP und ELN


In einem Kommuniqué von FARC-EP und ELN wird erneut die Zusammenarbeit zwischen beiden aufständischen Organisationen betont und die Militarisierung und Ausbeutung der Region Bolívar im Magdalena Medio kritisiert.

„Inmitten der intensiven militärischen Operationen, beratend durch die Nordamerikaner und mit der besten Technologie durchgeführt, unter dem angeblichen Vorwand den kanadischen Ingenieur Jernoc Wobert des multinationales Unternehmen Geo Explorer zu befreien, der durch ein Kommando der ELN in der Mine Casa de Barro de Norosí im Süden von Bolívar festgenommen wurde, haben sich die Befehlshaber der Kriegsfront Darío Ramírez Castro der ELN und des Blocks Magdalena Medio der FARC-EP in einem brüderlichen und einigenden Umfeld getroffen, um die akute Situation, die diese Regionen zu erleiden haben und um unsere politischen und militärischen Aktionen in der Region zu analysieren.“

So beginnt ein Kommuniqué der beiden Guerillagruppen Kolumbiens FARC-EP und ELN, das nun auf der Internetseite der FARC-EP veröffentlicht wurde und die Zusammenarbeit zwischen Organisationen unterstreicht. Seit einigen Monaten finden verstärkte Militäroperationen von staatlichen Sicherheitskräften und paramilitärischen Gruppen in den Regionen Bolívar und Antioquia statt, um angebliche entführte Personen zu befreien. Die militärischen Operationen, die Gefahr des paramilitärischen Terrors und die Ausplünderung der natürlichen Ressourcen mitsamt ihrer sozialen und ökologischen Folgen durch transnationale Konzerne führen zu einer Zuspitzung der Lebenssituation der lokalen Bevölkerung. Seit geraumer Zeit gibt es deshalb in diesen Regionen eine enge Kooperation in der politisch-militärischen Arbeit der beiden Guerillagruppen.

In dem Kommuniqué werden alle Mitglieder und Unterstützer gegrüßt, die sich mit dem Kampf der Guerilla solidarisieren. „Nur die Einheit, die Selbstkritik und die Konsolidierung unserer Organisationen werden die Garanten für die Ziele und Aufgaben sein, die wir Revolutionäre zum Aufbau einer neuen Gesellschaft brauchen.“ Der von Santos geförderte großflächige Bergbau und die damit verbundene Ausplünderung der natürlichen Ressourcen führen für die lokale Bevölkerung zu Elend, Vertreibung und Repression gegen jene, die sich dem widersetzen wollen. Den lokalen Gemeinden werden der Bergbau oder landwirtschaftliche Tätigkeiten verboten, um den großen Konzernen den bestmöglichen Profit zu sichern. Die Repression gegen die organisierte Bevölkerung wird mittels Massenverhaftungen sowie dem Verbrennen und Zerstören von ihren Werkzeugen und Läden durchgeführt.

„Wir begrüßen mit Optimismus die Annäherungen, die ELN und die nationalen Regierung auf der Suche nach einem unblutigen Ausgang für die gravierenden sozialen Probleme des Landes vorantreiben. Ebenso schätzen wir den Umfang des bisher erreichten bei den Gesprächen zwischen der FARC und der Regierung in Havanna, Kuba, und sind davon überzeugt, dass nur die Teilhabe der Bevölkerung in diesem Rahmen den Erfolg in diesem komplexen Vorhaben garantieren wird. Der Schlüssel zum Frieden liegt in der Macht des Volkes.“ Unterzeichnet ist das Kommuniqué von der Kriegsfront Darío Ramírez Castro der ELN und dem militärischen Block Magdalena Medio der FARC-EP, dem mehrere Kriegsfronten in der Region unterstehen.

Wie zu Zeiten des Plan Colombia versucht die Regierung Kolumbiens mittels einer Militarisierung der Demokratie eine Kriegsführung durchzusetzen, die zur Herstellung der “nationalen Sicherheit” dienen soll. Den Streitkräften werden durch fadenscheinige Begründungen Sonderrechte und richterliche Befugnisse gewährt, die sich nicht mit den elementaren Menschenrechten vereinbaren. So gibt es präventive Festnahmen und die Schaffung von speziellen Gegenden für Militäroperationen, in denen die Bevölkerung drangsaliert wird, sich den Verordnungen von Militär und Polizei unterzuordnen, auch wenn diese zum Beispiel die Aufgabe von Haus und Hof beinhalten. Die Bevölkerung wird als Hauptfeind angesehen und volksnahe, gewerkschaftliche, linke und aufständische Organisationen als deren Anstifter beschuldigt.

Mit den neuen Lokomotiven für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, die im Besonderen den Bergbau und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen betreffen, hat sich Präsident Santos ein Instrument geschaffen, um den Neoliberalismus im Land weiter voranzutreiben und der auf der einen Seite zu Profiten bei der Oligarchie und den Konzernen, aber auf der anderen Seite zu Armut, Vertreibung und Repression bei der Bevölkerung führt. Die staatlichen Sicherheitskräfte stellen sich somit unweigerlich auf die Seite der Herrschenden und Ausbeutenden.

03 Mai 2013

Wikileaks über die Auslieferung von Simón Trinidad

In einer neuen Veröffentlichung von Wikileaks kommt nun heraus, dass der Ex-Präsident Uribe den damaligen Botschafter der US-Regierung, William Woods, bat, die Auslieferung von Simón Trinidad in die USA zu akzeptieren, obwohl gegen ihn in den USA strafrechtlich nichts vorzuweisen war und es zudem keine Ermittlungen gegen ihn gab. Trotzdem wurde dem Wunsch Uribes stattgegeben. Die Auslieferung von Simón Trinidad war Teil eines Erpressungsplans gegenüber der FARC-EP. Der Botschafter lieferte einen kolumbianischen Staatsbürger an ein fremdes Land aus, nur weil das Sekretariat der FARC-EP, das höchste Organ der Guerilla, nicht die Bedingungen von Ex-Präsident Uribe erfüllen wollte. Simón Trinidad sollte gegen 63 Kriegsgefangene ausgetauscht werden.
 
Die Auslieferung ist ein Mechanismus von Druck und Erpressung, der von Uribe besonders gegen die politischen Gegenspieler und die bewaffnete politische Opposition genutzt wird, sagte Raúl Reyes, Kommandierender und Mitglied  des Sekretariats der FARC-EP, am 21. Dezember 2004 in der Nachrichtensendung „Noticias Uno“. Zu diesem Zeitpunkt fehlten nur noch zehn Tage bis zur Auslieferung von Simón Trinidad an die USA. Uribe hat somit jede Gelegenheit genutzt und den Botschafter für seine Besessenheit missbraucht, um die Guerilla zu demütigen. Auch heute noch schießt er gegen unliebsame Gegner und versucht den derzeit stattfindenden Friedensprozess zwischen der Regierung und der Guerilla zu torpedieren.
 
Wahrscheinlich wäre Simón Trinidad sogar freigesprochen worden, wenn ihm nicht ein Prozess konstruiert worden wäre, in dem es um den Abschuss eines Spionageflugzeuges in Caquetá und die Gefangennahme von drei CIA-Agenten ging. Als Mitglied des Sekretariats sei er somit für diesen Vorfall verantwortlich gewesen. Simón Trinidad war jedoch weder zu diesem Zeitpunkt noch heute Mitglied des Sekretariats der FARC-EP. Trotzdem wurde er zu 60 Jahren Gefängnis verurteilt, ohne dass er eine reelle Möglichkeit gehabt hat, sich verteidigen zu können. Die Friedensdelegation hat nun nach dem Bekanntwerden dieses Vorgangs die Forderung an die US-Behörden verstärkt, um eine Teilnahme von Simón Trinidad an den Friedensgesprächen in Kuba zu ermöglichen.

30 April 2013

13 Jahre Movimiento Bolivariano

13 Jahre Movimiento Bolivariano por la Nueva Colombia heißt 13 Jahre Widerstand!
Ein Kurzfilm (Spanisch) über die Geschichte und Aktionsform dieser Bewegung.


29 April 2013

Kompromisse und revolutionäre Prinzipienfestigkeit


Die FARC-EP als eine revolutionäre Organisation befindet sich mit der kolumbianischen Regierung in einem Friedensprozess. Das sich hierbei zwei  Gesprächspartner an einem Verhandlungstisch wiederfinden,  die grundsätzliche konträre politische Ziele verfolgen war den meisten Menschen zwar sowohl innerhalb, als auch außerhalb der FARC-EP durchaus bewusst.  Doch schon nach wenigen Wochen wurden die Unterschiede deutlich und sorgten intern und bei Sympathisanten der revolutionären Organisation für Diskussionsstoff, inwieweit eventuell abgeschlossene Kompromisse die Prinzipienfestigkeit der FARC-EP aufgeben. Ein Leitartikel im Zuge des bevorstehenden 1. Mai.

Eine allgemeine Grundbedingung für die politische Arbeit und das Erreichen von seinen politischen Zielen ist die Fähigkeit und Notwendigkeit, Kompromisse eingehen zu können. Klar ist, dass alleine der Gedanke vom Eingehen von Kompromissen wiederum andere Fragen aufwirft. Wann und unter welchen Umständen kann man Kompromisse eingehen? Mit wem und welchen politischen Kräften kann ich Kompromisse eingehen? Sind Kompromisse prinzipiell gleichzusetzen? Warum muss gerade jetzt ein Kompromiss abgeschlossen werden? Werden mit den Kompromissen die Aufgaben für die revolutionäre Sache aufgegeben?

All diese Fragen können nur beantwortet werden, wenn die Politik der revolutionären Organisation und die Geschichte und Taktik der marxistisch-leninistischen Organisationen erörtert werden. In Kolumbien bezieht sich dies nicht nur auf die Bestimmung der FARC-EP als linke Bewegung und ihren Zielen innerhalb des kolumbianischen Volkes, sondern auch auf die Geschichte des Landes, den Partner am Verhandlungstisch, die Mittel und Formen des Kampfes und das Kräfteverhältnis.

Besonders das Kräfteverhältnis, zum Beispiel in den jeweils örtlich und zeitlich bedingten Abschnitten des revolutionären Kampfes, spielt eine wichtige Rolle. Wie wirken sich die Kräfteverhältnisse innerhalb von Kolumbien, aber auch im internationalen Maßstab aus? Das Kräfteverhältnis lässt sich nicht alleine mit Zahlen bestimmen, also nach den jeweiligen zahlenmäßigen Unterstützern und Sympathisanten und schon gar nicht anhand von ökonomischen oder militärischen Kennziffern. Denn „Zahlen fallen nur in die Waagschale, wenn Kombination sie vereint und Kenntnis sie leitet.“ (Marx/Engels, Werke, Bd. 16, S. 12) Zahlen nützen also nur etwas, wenn sie im Zusammenhang und in ihrer Bewegung gesehen werden.

Während der Oktoberrevolution in Russland sind die Bolschewiki nicht nur davon ausgegangen, dass die Arbeiterklasse zahlenmäßig relativ schwach war, sondern sie ließen sich auch davon leiten, dass sie als revolutionäre Kraft sehr organisiert waren. Und um die politischen Ziele zu erreichen, mussten sie sich mit den anderen Werktätigen und Schichten verbünden. Weiterhin war zwar rein faktisch gesehen ein zahlenmäßig größeres Kräfteverhältnis auf den Seiten der Kapitalisten, besonders im internationalen Bereich war die Umklammerung und die politische sowie militärische Stärke klar erkennbar, doch ein ungünstiges Kräfteverhältnis soll keinem zu politischer Passivität zwingen, denn mit Kompromissen zu politisch ähnlich gelagerten Organisationen, aber auch völlig konträr stehenden Verhandlungspartnern, kann eine solche Strategie für ein Maximum an revolutionären Veränderungen und ein Minimum an eigenen Verlusten sorgen.

Lenin schreibt dazu: „Die Kunst des Politikers besteht darin, die Bedingungen und den Zeitpunkt richtig einzuschätzen, wo die Avantgarde des Proletariats die macht mit Erfolg greifen kann, damit sie während und nach der Machtergreifung auf eine ausreichende Unterstützung genügend breiter Schichten der Arbeiterklasse und der nichtproletarischen werktätigen Massen rechnen kann, wo sie nach der Machtergreifung ihre Herrschaft dadurch behaupten, festigen und erweitern kann, dass sie immer breitere Massen der Werktätigen erzieht, schult und mitreißt.“ (Lenin, Werke Bd. 31, S. 36) Ohne Bündnisse, wie im Fall der FARC-EP im Fall die Zusammenarbeit und der Drang, die sozialen und politischen Bewegungen in den Friedensprozess miteinzubeziehen, oder dem Erkennen des eigenen Standpunktes innerhalb der historischen Linie, schließlich gibt es in Kolumbien einen Bürgerkrieg, der nun schon über ein halbes Jahrhundert andauert und was zu einer Negativstimmung in der Bevölkerung führt , können die politischen Ziele nicht erreicht werden.

Die FARC-EP kann den Kampf und ihre politischen Ziele nicht allein gewinnen. Das Kräfteverhältnis liegt militärisch zugunsten der Regierung, auch wenn die FARC-EP militärisch nicht besiegt werden kann. Die Zustimmung in der Bevölkerung ist zwar in vielen Gegenden groß, ein politischer Umschwung aber unrealistisch, weil viele Menschen den Krieg satt haben und politisch nicht überzeugbar sind. Die Friedensverhandlungen schaffen nun eine Bühne, auf der sich die FARC-EP in der Öffentlichkeit präsentieren und in denen sie Kompromisse und die Zusammenarbeit mit anderen politischen Kräften ausloten kann. „Einer der größten und gefährlichsten Fehler von Kommunisten (wie überhaupt von Revolutionären, die erfolgreich den Anfang einer großen Revolution vollbracht haben) ist die Vorstellung, dass eine Revolution von Revolutionären allein durchgeführt werden könne.“ (Lenin, Werke, Bd. 33, S. 213)

Kompromisse sind also notwendig, auch wenn man sie mit teilweise unliebsamen „Verbündeten“ eingehen muss. Hierbei muss sich die FARC-EP auf das Übereinstimmende und Verbindende konzentrieren und außerdem die Erreichbarkeit ihrer politischen Ziele und die historische Frage nach dem bewaffneten Kampf hinterfragen. Es darf aber auch nicht sein, dass die politisch-ideologischen Gegensätze vertuscht und die eigenen revolutionären Ziele komplett aufgegeben werden. Der Kampf um Frieden und für politische Veränderung in Kolumbien verlangt ein breites Aktionsbündnis der verschiedenen sozialen Schichten und politischen Kräfte. Unter Umständen umfasst es eben auch Teile der kolumbianischen Regierung oder politische Kräfte, die in historischen Zeitabschnitten als Feinde agierten. Lenin forderte in diesem Bezug immer das „strenge Auseinanderhalten von Schattierungen“ (Lenin, Werke, Bd. 5, S. 380). Frieden und politische Veränderungen liegen im Interesse aller Kolumbianer und Lateinamerikaner. Deshalb bestimmte Versuche nicht zu wagen oder bestimmte Kräfte auszuschließen würde zu einer Unglaubhaftigkeit führen.

Wichtig ist jedoch, bei Beginn einer politischen Aktion wie dem Beginn der Friedensverhandlungen, die Möglichkeiten eines politischen Sieges realistisch einzuschätzen, obwohl Erfolg oder Misserfolg wahrscheinlich nie genau vorhergesagt werden können. Doch sind bestimmte Faktoren gegeben, zum Beispiel ein Patt im militärischen Bereich, Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung oder generelle Schwierigkeiten bei der Vermittlung politischer Ziele in der Bevölkerung aufgrund von Gegenpropaganda und Repression, dann sind Verzögerungen im politischen Handeln denkbar schlecht. Die FARC-EP hatte in den letzten 10 Jahren mit einer politischen Isolierung auf nationaler und internationaler Ebene zu kämpfen. Manuel Marulanda Vélez, Oberkommandierender der FARC-EP bis 2008, sagte einmal, dass der größte Feind nicht die Polizei oder die Armee sei, sondern das isolierte Handeln einer revolutionären Organisation ohne großen Rückhalt in der Bevölkerung. Die Entscheidung, jetzt oder später Kompromisse einzugehen, um diese Missstände zu bekämpfen, scheint also der momentan richtige Weg zu sein.

Trotzdem darf die FARC-EP nicht Gefahr laufen, und ihre besonders in den letzten zwei, drei Jahren gewonnene politische und militärische Position (Konsolidierung und Stärke) aufs Spiel zu setzen. Lenin dazu: „Den Kampf aufzunehmen, wenn das offenkundig für den Feind und nicht für uns günstig ist, ist ein Verbrechen, und Politiker der revolutionären Klasse, die nicht `zu lavieren, Übereinkommen und Kompromisse zu schließen´ verstehen, um einen offenkundig unvorteilhaften Kampf ausweichen, sind keinen Pfifferling wert.“ (Lenin, Werke, Bd. 31, S. 63) Kompromisse, wie ihn die FARC-EP aktuell bedenkt, sind also zu unterscheiden von faulen Kompromissen, in denen das Leben einer revolutionären Organisation in Gefahr gerät, wo reaktionären Kräften unnötige Zugeständnisse gemacht werden und wo das eigene Kampffeld ohne Nutzen geräumt wird.

Es gibt also solche und solche Kompromisse; diejenigen, die in der aktuellen Lage als sinnvoll erscheinen und jene, die politischen Verrat bedeuten und eine revolutionäre Organisation in die Krise führen. Wie anfangs schon erwähnt, sollten die Begleitumstände und historischen wie politischen Bedingungen genau betrachtet werden. Denn die Stärke einer revolutionären Organisation wie der FARC-EP sollte es sein, dass sie nicht nur das tut, was sie beschlossen hat, sondern auch, dass sie die gesellschaftlichen Prozesse und Stimmungen richtig erkennt und die politische Arbeit daraus ableitet. Eigenes Fehlverhalten in der Geschichte und die eigenen Erfahrungen müssen selbstkritisch überprüft werden. „Das Verhalten einer Partei zu ihren Fehlern ist eines der wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei und für die tatsächliche Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber ihrer Klasse und den werktätigen Massen. Einen Fehler offen zuzugeben, seine Ursachen aufdecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen – das ist das Merkmal einer ernsten Partei (…).“ (Lenin, Werke, Bd. 31, S. 42).

Fragen zur Einschätzung des Kräfteverhältnisses, der Strategie und Taktik im weiteren Vorgehen des bewaffneten und politischen Kampfes spielen aktuell bei der FARC-EP eine wichtige Rolle. Zum einen geht es der FARC-EP um eine militärische Verteidigungsfähigkeit und um die Möglichkeit, weiterhin Druck auf die Regierung ausüben zu können und ebenso um die Glaubwürdigkeit, wirkliche Veränderungen für die kolumbianische Gesellschaft herbeizuführen. Zum anderen hat die FARC-EP die kolumbianische Bevölkerung im Auge und eine Entwicklung, die im Interesse der Menschen steht. Frieden für Kolumbien ist dieses große Ziel, nach dem sich ein Großteil der Bevölkerung sehnt. Dafür müssen auch Kompromisse eingegangen werden. Revolutionäre Politik soll prinzipienfest sein, aber auch flexibel und kompromissfähig.